„Niemand hat das Recht zu gehorchen.“ Hannah Arendt

Am 6. Oktober 2026  wurde in Sachsen-Anhalt ein Faschist zum Landtagspräsidenten gewählt, auch mit Stimmen von Christdemokraten. Nie wieder ist vorbei. Was ungenau ist, denn es wird erst vorbei sein, wenn das ganze System einer faschistischen Diktatur steht.
Der spanische Ministerpräsident wurde sehr deutlich, als er die Neuwahlen ankündigte: Wollen wir die rechte Welle verstärken oder wollen wir die Demokratie und fortschrittliche Entwicklungen bewahren? Wollen wir auf dieser Erde leben oder uns gegenseitig vernichten? Noch nie wurden faschistische Diktaturen mit Reden besiegt. Zum Reden muss das Handeln kommen. Wer nicht kämpft, hat auf jeden Fall verloren. Wer nur zuschaut und sich empört, hat auch verloren. Der Satz: ‚Ich hatte keine Wahl‘ gilt nicht, denn im Grundgesetzt gibt es kein Recht für Gehorsam, sondern nur ein Recht zum Widerstand in Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes (GG):
„Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Liest sich einfach und ist doch schwer. Aber dieser Widerstand gehört auch zur Verteidigung dieser demokratischen Republik, dieses deutschen Landes. Und so wie es für den deutschen Faschismus eine Geschichte gibt, existiert sie auch für den Widerstand und Kampf gegen den Faschismus.
Offensichtlich ist es nicht unwichtig, in welchen Traditionen die Menschen leben, was sie wissen und erfahren haben, woran sie glauben. Das stark katholisch geprägte Münsterland leistete oft durch symbolischen Widerstand – wie massenhafte Teilnahmen an traditionellen Prozessionen oder kirchlichen Kundgebungen (z. B. 1935 in Münster mit fast 30.000 Teilnehmenden) – einen Gegenpol zum totalitären Anspruch der NSDAP. Persönlichkeiten aus dem katholischen Bürgertum und dem Widerstand wie Paulus van Husen (Mitglied des Widerstandskreises „Kreisauer Kreis“) setzten ihr Leben für den Umsturz des Regimes ein. Clemens August von Graf Galen: Der katholische Bischof von Münster (später Kardinal) wurde als „Löwe von Münster“ bekannt. Im Sommer 1941 prangerte er in drei berühmten Predigten im Dom den Gestapo-Terror, die Entrechtung der Kirche und vor allem die systematische Ermordung kranker und behinderter Menschen (die nationalsozialistische „Euthanasie“-Aktion T4) an. Seine Proteste trugen dazu bei, dass die Aktion T4 offiziell unterbrochen wurde.
Der Faschismus fasste bei den demokratischen Wahlen der Weimarer Republik im Münsterland viel schwerer Fuß. Die Region galt aufgrund ihrer tief verwurzelten konfessionellen Strukturen über Jahre hinweg als nahezu immun gegen den Nationalsozialismus. Der Durchbruch gelang der NSDAP erst im Zuge der Gleichschaltung und des Terrors nach der Machtergreifung 1933.
Der Verlauf des NSDAP-Aufstiegs im Münsterland lässt sich in drei Phasen unterteilen:
Die erste Phase war eine Geschichte der Erfolglosigkeit – bis 1929. In den 1920er Jahren spielte die NSDAP im Münsterland wahlpolitisch so gut wie keine Rolle.
 – Bei der Reichstagswahl 1928 erzielte die NSDAP in der Provinzialhauptstadt Münster lediglich 608 Stimmen.
 – Das Zentrum (die Partei des politischen Katholizismus) hielt hier eine uneinnehmbare Bastion und band die breite Mehrheit der ländlichen und bürgerlichen Wählerschaft an sich.
 – Hitler erkannte dieses Hindernis und passte seine Strategie an, indem er versuchte, „Frieden mit Rom“ zu demonstrieren, um die NSDAP für katholische Wähler überhaupt erst wählbar zu machen.
In der zweiten Phase,  in der Weltwirtschaftskrise (1930–1932), erzielte die NSDAP nur  unterdurchschnittliche Gewinne. Mit dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise ab 1929/1930 wuchs die NSDAP zwar auch im Münsterland, blieb aber kontinuierlich weit hinter den Ergebnissen in ganz Deutschland zurück.
Reichstagswahl vom 5. März 1933: Selbst bei dieser bereits unfreien Wahl blieb das Zentrum im Münsterland ein starker Gegner. Im Wahlkreis Westfalen-Nord holte die NSDAP 34,9 % (Reichsdurchschnitt: 43,9 %). In der Stadt Münster selbst blieb das Zentrum mit 30.531 Stimmen sogar noch hauchdünn vor der NSDAP (26.490 Stimmen).
Kommunalwahl im März 1933: Erst bei den Kommunalwahlen erlangte die NSDAP – gestützt durch die beginnende Gleichschaltung und Propaganda – mit 40,2 % erstmals die relative Mehrheit im Münsteraner Stadtrat und verdrängte das Zentrum.
Der Grund für das schwache Abschneiden: Das katholische Milieu im Münsterland war sozial und kulturell durch Vereine, Kirche und die Zentrums-Presse extrem resilient gegen die nationalsozialistische Propaganda. Während die NSDAP in protestantisch-ländlichen Regionen Deutschlands teils absolute Mehrheiten holte, verteidigte das Zentrum im Münsterland stabil seinen Kern von rund 30.000 Stammwählern. Erst durch den Einsatz von Terror und Gleichschaltung 1933, also erst nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und unter dem massiven Druck des staatlichen Terrors (Verbot linker Zeitungen, Verhaftung von Gegnern) brach das Wahlergebnis zugunsten der Faschisten ein.
Der Faschismus fasste im Münsterland nicht über den klassischen Weg demokratischer Überzeugung an den Wahlurnen Fuß. Vielmehr blieb die Region bis zuletzt eine Diaspora für die NSDAP. Der Durchbruch gelang erst, als die demokratischen Institutionen auf Reichsebene bereits ausgehebelt waren und der lokale Widerstand durch die reichsweite Gleichschaltung sowie den offenen Terror der SA und SS im Frühjahr 1933 gebrochen wurde.
„Niemand hat das Recht zu gehorchen.“ Münster blieb das schwarze Münster und es organisierte sich Widerstand, in der Kirche, bei Sozialisten und Kommunisten (Die Gruppe Rote Arbeiter). Das kollektive Gedächtnis hat vieles verdrängt, aber wir brauchen diese Geschichte und Traditionen, sie dürfen nicht vergessen werden. Wir alle haben das Recht auf Widerstand, wenn die Demokratie angegriffen wird mit dem Ziel, sie zu beseitigen.

Das Sendgericht

Dreimal im Jahr findet in Münster die größte Kirmes der Region statt: Mit vielen Fahrgeschäften, dem traditionellen Pottmarkt und natürlich mit Imbissbuden aller Art. Von fettiger Krakauer bis zur vegetarischen Pilzpfanne und Zuckerwatte ist alles zu finden. Ja, auch Fischbrötchen, Pizza, Chinanudeln und Backfisch.
Auf dem Platz vor dem Schloss mitten in Münster findet der Send statt.  Die Geschichte des Schlossplatzes geht zurück bis ins späte Mittelalter, als es noch keine fürstbischöfliche Residenz gab: da war der Platz ein Feld vor der Stadtmauer, auf dem Händler und Wegelagerer ihren Geschäften nachgingen. Ins Stadtgebiet kam der Platz erst 1661, als Münster von Christoph Bernhard von Galen eingenommen, die westliche Stadtmauer abgetragen und eine Zitadelle errichtet worden war. Die Fläche des Schlossplatzes sollte als freies Schussfeld auf die Stadt dienen. Dieser Neuplatz wurde Teil des großen Generalplans des Baumeisters Johann Conrad Schlaun, der den Auftrag zum Bau eines Schlosses erhalten hatte.  Die Mittelachse sollte einen freien Blick auf das Schloss gewähren, Promenaden, Wäldchen und Bassins wurden geplant.
Nach dem Wiener Kongress 1815 gehörte Münster zum Königreich Preußen. Es begann die Industrielle Revolution und deshalb gab Überlegungen, einen Rhein-Weser-Ems-Kanal durch den Platz zu bauen. Aber der Neuplatz blieb unverändert und wurde weiter für Paraden und militärische Aufmärsche genutzt wurde. Die Ausrufung der Republik am 9. November 1918 erfolgte vor dem Schloss. 1927 wurde der Platz in Hindenburgplatz umbenannt. Die NSDAP plante eine monumentale Umgestaltung des Stadtbildes, aber daraus wurde zum Glück nichts.
Gegen Ende des 2. Weltkrieges war Münster fast vollständig zerstört. Auch eine Art der Umgestaltung. Verursacht durch die hartnäckigen Kämpfe der Deutschen, der SS bis zur allerletzten Patrone, sonst wären die Alliierten einfach auf der B 51 vorgerückt. Auf dem Hindenburgplatz wurden in der Nachkriegszeit Schafe gehalten und Gemüse angepflanzt. Der Send, die Kirmes, fand auf dem Domplatz statt. Aus dem Hindenburgplatz wurde wieder der Schlossplatz.
Die Frage ist, ob wenigstens ein paar der vielen Sendbesucher wissen, dass Send ein Wort aus der kirchlichen Rechtsgeschichte ist. Vor dem Sendgericht, also vor einem kirchlichen Gericht, entstanden im 9. Jahrhundert, wurden von Geistlichen in Gegenwart der gräflichen Schultheißen, der Gemeindevorsteher, die Schandtaten, Sünden und Laster der Gemeindemitglieder behandelt, beurteilt und gerügt. Viele Anzeigen und Beschwerden galten dem Fluchen, den gotteslästerlichen Reden, dem unordentlichen Wesen, der Zecherei, dem Kartenspiel, den unehelichen Verhältnissen und Kindschaften und der Missachtung der Sonntagsruhe. Im Gegensatz zu heute durfte früher niemand Sonntags auf den Feldern arbeiten. Bestraft wurde mit von der Kanzel verkündeten Rügen und Ermahnungen, Aufforderung zu Almosengaben, seltener erfolgte die öffentliche Bloßstellung durch Umhängen des Schand- oder Lastersteins. Schwere Übeltaten, Vergehen und Verbrechen wurden als sogenannte Malefizsachen oder halsgerichtliche Straftaten nicht vom Send, sondern von obrigkeitlichen Gerichten geahndet.
Die Sendgewalt erlebte im späten Mittelalter ihre Blütezeit. Nach und nach verschwand die Ausübung. 
In Münster ist noch das Sendschwert am Rathaus zu sehen – als Zeichen des Marktrechtes der Stadt während des dreimal im Jahr stattfindenden Sendgerichtes. Während dieser Zeit galt in Münster ein besonders strenger Marktfriede, der jeden Bruch, der mit Blutvergießen verbunden war, bis 1578 mit dem Tode bestrafte. 
Die Todesstrafe ist zum Glück in Deutschland abgeschafft, die schweren Verbrechen, die während der Kirmes, der Sendtage, geschehen, werden mit Gefängnis bestraft, so ermordete ein Schausteller 2017 seine Freundin. Üblich sind Messerstechereien, Diebstähle aller Art, Schlägereien, Ruhestörungen und Betrügereien aller von Menschen ausgedachten Arten. Viele Menschen sind ja gierig. Und auch wenn Münster einer der Orte ist, an dem fünf Jahre lang der Westfälische Friede ausgehandelt wurde, der dann zwischen dem 15.  Mai und dem 24. Oktober 1648 in Münster und Osnabrück geschlossen wurde, und auch wenn Münster ein wenig am Rand der großen weiten Welt liegt, gibt es in der Stadt und im westfälischen Land darum herum genügend Morde und Totschlägereien. Zuletzt wurde Malte C., der zwei Frauen half, als sie von einem Mann angegriffen wurden, totgeschlagen (Christopher Street Day 2022). In den vielen Grachten und Kanälen schwimmen immer wieder Tote. Autos, Raubgut und Leichen tauchen wieder auf. Und auf den Schiffen wird quer durch Europa geschmuggelt, gestohlene Waren, Frauen, Drogen transportiert. Weder Gerichte noch kirchliche Ermahnungen halten die Menschen von diesem Tun ab.
(© Jay M. Walther)

Das Königreich Westphalen

„Die Wörter schlafen nicht in den Wörterbüchern/Sie ziehen um den Block, ziellos, spielen mit Munition.“ Mit diesen beiden Zeilen beginnt Durs Grünbein sein Gedicht „Vom Erlernen alter Vokabeln“. Ja, Wörter können Wirklichkeiten schaffen. In alle Richtungen. In Zeiten verschärfter Rhetorik können die Ewiggestrigen und Hartherzigen den Ton angeben, bis der Widerstand mit seiner Dialektik eine neue Wirklichkeit schafft.
Lebensgefährlich wird es, wenn die Inszenierung der Rechten, der Diktatoren so lange dauert, dass niemand mehr sich an die Grundregeln von Demokratie erinnert, niemand mehr andere Wörter im Ohr hat als das Geschrei.
Die Existenz des Königreichs Westfalen und der Einfluss der Franzosen auf Gebiete rund um dieses Königreich, auch auf das Münsterland, hatte auf Haltung und Sprache, auf die spätere politische Entwicklung eine besondere Bedeutung. Ursprünglich ging es darum, dass der jüngste Bruder Napoleons mit Land und Krone versorgt werden sollte. Also schuf Napoleon per Dekret vom 18. August 1807 auf preußischem Gebiet für Jérôme und Katharina das Königreich Westphalen. Ein Vasallenstaat, eine autoritäre Herrschaft, den Untertanen übergestülpt. Die eine Seite. Die andere Seite: Westphalen war als Musterstaat gedacht, mit einer modernen Justiz und Verwaltung. Und tatsächlich wurden die Patrimonialgerichte, die Steuerfreiheit des Adels und die Leibeigenschaft abgeschafft. Die Gewerbefreiheit, die Gewaltenteilung, die Gleichberechtigung der Juden, der Code civil sowie die Führung von Zivilstandsregistern und Kirchenbuchduplikaten wurden auf die vormals nicht-preußischen Gebiete ausgedehnt. Es gab viele neue Wörter und Zustände im ganzen Einflussbereich der Franzosen, die auch nach dem Ende des Königreiches 1813 nicht wieder beseitigt werden konnten. Als die alten Herrscher wieder in Besitz ihrer Landstriche und Güter kamen, ließen sich die Wörter und die damit gesetzten Freiheiten nicht einfangen. So wenig wie sich die Erfahrungen der Untertanen, die Widerstand gegen die Franzosen geleistet hatten, anullieren ließen.
Nach der Völkerschlacht in Leipzig 1813 löste sich das Königreich auf, aber die alte Ordnung war nicht mehr herzustellen und einige Wörter und Zustände waren nun den Untertanen, gleich wie sie eingestellt waren, bekannt. (J. Monika Walther)

Das Münsterland

 

 Annette Droste von Hülshof

Am Turme

Ich steh auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
Und glänzende Flocken schnellen.
O, springen möcht ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walross, die lustige Beute!

Und drüben seh ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn

Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöwe streifen.

Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;

Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar
Und lassen es flattern im Winde!

(1841/42)

Blick vom Fürstenhäusle der Droste in Meersburg

 

 Annette Droste von Hülshof, geboren 10. Januar 1797 Schloss Hülshoff bei Münster – gestorben
am 11 Mai 1848 in Meersburg am Bodensee, dort ist sie auch begraben.