Die Tote im Rüschhaus

Ein glücklicher Tag. Die ersten Sonnenstrahlen leuchteten auf dem Weg zum Rüschhaus. Franziska von Budde freute sich auf diesen Tag. Meine Ausstellung, meine Veranstaltung. Diesmal lass ich mir nicht von Besserwissern aus dem Literaturzentrum in meine Arbeit hineinreden. Alles soll immer bunter, schneller und peppiger und vor allem digital sein, aber ich bin die Kuratorin. Ich bin zuständig für die Veranstaltungen im Rüschhaus. Franziska seufzte, schlug mit der Hand auf das Lenkrad, für ein paar Meter fuhr sie schneller. Dann lächelte sie wieder. Sie war Kuratorin, sie hieß Anna Franziska von Budde, zwei Vornamen, die sie mit der Droste teilte. Auch sie stammte aus einem westfälischen Adelsgeschlecht. Da war nur kein Besitz mehr in ihrer Verwandtschaft. Die Anstellung verdankte sie den familiären Beziehungen. In ihrem Innersten wusste Franziska, die jungen Leute vom Drostecenter hielten sie für eine alte Schachtel, obwohl sie gerade erst ihren zweiundvierzigsten Geburtstag gefeiert hatte, obwohl sie im Besitz des einzigen Briefes der Droste an Emily Elizabeth Dickinson und der Antwort von Emily an ihre westfälische Kollegin war. Alle hielten die beiden Briefe für Fälschungen. Alle würden sich noch wundern. Ein glücklicher Tag. In Ruhe konnte sie die Ausstellung und Veranstaltung zu Annette von Droste-Hülshoff vorbereiten. Kein digitales Rüschhaus, sondern eine Droste, die lebte, die Briefe nach Amerika geschrieben hatte. Ihre Droste.
Auf dem Parkplatz stand nur der kleine Lieferwagen der Gärtnerin; am Eingang zur Remise lehnte das Fahrrad des Hausmeisters, ein junger Mann, den sie nicht mochte. Der nichts von sich erzählte, aber mit seinem Lachen alle für sich einnahm, vor allen die Frauen unter den Besuchern. Er erklärte, zeigte, redete. Ohne ihn wäre der Tag noch schöner. Auf der schmalen Straße neben dem Rüschhaus stand ein graues Auto. Franziska konnte nicht sehen, ob jemand in dem Wagen saß. Eine Kurve weiter gab es eine kleine Baustelle, zwei Arbeiter gruben Löcher. Von den anschließenden Feldern hörte Franziska Hammerschläge und einen Traktor. Als sie über den gepflasterten Hof auf das Hauptgebäude zuging, sah sie wie der Hausmeister einen Klinker säuberte; sie entdeckte Marie Merfeld, die Gärtnerin, bei den Buchsbaumhecken und an der Orangerie stand eine junge Frau. Alle waren am Arbeiten. Die Gärtnerin winkte ihr zu. Die Amseln sangen, Spatzen schwärmten umher.Franziska schloss leise die Tür zum Hauptgebäude auf. Hoffentlich kam nicht diese junge Archivarin, um weiter an der neuen Bestandsaufnahme des Rüschhauses zu arbeiten. Jedes Staubkorn sollte erfasst und beschrieben, fotografiert werden. Franziska schloss die Tür ab und stand in der Diele. Sie strich mit der Hand über das Holz des langen Tisches. Sie schaute durch die Fenster nach draußen. Zwei der Stühle rückte sie gerade. Dann schaute sie nach oben zu dem kleinen Fenster. Dort hatte die Droste gesessen und erzählt, gelesen und die unten am Kamin, auf den Bänken, am Tisch, hörten ihr zu. Auch die Kinder der Pächter und Bediensteten. Damals, als die Droste im Rüschhaus lebte.
Franziska hielt den Atem an. Die Droste saß dort oben am Fenster und schaute zu ihr hinunter. Das konnte nicht sein, aber es war die Idee für ihre Veranstaltung. Sie würde eine Schauspielerin engagieren. Nein zwei, eine die las und eine, die die Lieder der Droste sang. Und sie, Franziska, erzählte vom Leben der Hülshoffs. Aber wer saß jetzt da oben am Fenster? War ein Wunder geschehen. Franziska hob ihre Hand, winkte nach oben, aber die Frau rührte sich nicht. Franziska atmete flacher. Sie wünschte sich sehnlichst, dass dort oben die Droste säße. Ihretwegen, nur ihretwegen. Aber so war es nicht. …
© Jay Monika Walther

Der Münsterland Mord-Club
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Ein Projekt des VS im Münsterland