Der eine Blick über den Tellerrand
Wünsche sind wichtig, denn wo landen wir ohne Wünsche, Sehnsüchte und Begehren, ohne das Wissen, was es alles in uns gibt? Aber das Wünschen gewinnt nur an Größe, wenn wir über den eigenen Tellerrand schauen: Über die nächsten Begrenzungen, in die Tiefe, quer durch den Himmel und wieder zurück, den Menschen ins Gesicht und hinter ihre Augen, wenn wir durch die Zeiten und Welten schauen.
Himmelsleiter
Der eine Blick über den Tellerrand
über das flache Land durch die Tunnel
die Berge hinauf und über das Tal.
In die Höhe zu den Schneemützen
zu grauen Gletschern und schwarzen Rillen
hinein in den Zeitsprung. Pass und Papiere
trennen die Grenzen. Die Welt setzt aus.
Der eine Blick durch das Fensterglas
über schmale Wiesen hinweg und Hecken
hindurch auf den Tisch der Nachbarn.
In die Gesichter über den Tellern
zu den greifenden Händen und offenen Mündern.
Hinein in das Fremde. Hauswände
trennen Leben. Die Sekunde steht.
Der eine Blick über den großen Platz
über die Schreie hinweg und auf die Panzer
bis zum Hafen zu den grauen Schiffen.
Zu den aufgesteckten Bajonetten
die Gewehre schießen in den Himmel
über die Köpfe. Die Soldaten senken
ihre Arme. Die Nelken sind rot.
Der eine Blick über Beton und Mauer
durch den gerollten Stacheldraht über Minen
in die Straßen düsterer Häuser versperrt.
Kein Floß kein Himmelsschiff
in Sicht. Die Tunnel zugeschüttet Argwohn
Berichte Akten. Der letzte Schnee
schwarz geronnen. Der eine Blick
über die Mauer, über den Fluss,
durch die Wände und hinauf immer höher
über die Wolken in den Himmel.
Zu den Flügeln Herzsternen und wach
Stufe für Stufe wieder hinunter
auf die Höhe: der Wolken der Schneehauben
der Schmetterlinge der Augen.
© Jay M. Walther
Frank Happel hat dieses Gedicht vertont.
