Che faro oder Was mache ich heute
Seit April 2002 schreibe ich in größeren und kleinere Zeitabständen Texte unter dem Titel Was mache ich heute – Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò… singt Orpheus. Und so wurde in fast hundert Texten immer wieder ein Weg von Euridice, Griechenland und Orpheus quer durch die Zeiten und Länder, und vor allem quer durch die Kriege gesucht, gefunden und vielen Fluchtwegen, auch in der eigenen Familiengeschichte, nachgegangen. 2002, dreiundzwanzig Jahre. Die Zeit, in der ich älter wurde, mir bewusst wurde, was ich erlebt hatte und welche Familiengeschichte ich hatte und was alles geschehen war. Auch mit mir. Jahre, in denen ich anfing, über all ‚das‘, was nie gesagt wurde, zu schreiben.
Was schrieb ich im April 2002:
Mit siebzehn habe ich in Amsterdam die beiden Pudel einer älteren Dame ausgeführt. Einer Dame, die Herrschaften empfing und gut Geld verdiente. Schön fand ich diese Dame. Sehr schön. Meinen vierzigsten Geburtstag habe ich in Frankfurt in einem Rotlichtlokal gefeiert, Kuchen mit vierzig Kerzen mitgebracht, ein paar Freunde, eine der Frauen tanzte ziemlich nackt und bloß, war schön nackt, schön rot, Kuchen gut, war schön. Einen Tag später geschah dann die schöne große ordentliche Geburtstagsfeier mit Frank Wolff am Cello und anderen Musikern, Musikerinnen, Tanz und Buffett: Frankfurt eben. Die Idee, dass das Leben manchmal doch ein kleines Freudenhaus sein könnte? Oder?
Ein Haus der Freude, das finde ich verlockend. Sich hingeben, etwas weggeben, etwas geschenkt bekommen, Freude. Aber was sagt Freud dazu?
Der Krieg hört auf und ein neuer beginnt. Privat, öffentlich, immerzu, es ist nicht zu stoppen. Die Menschen, sie sind so, wir sind so, ich bin es.
Ein niederländischer Freund sagte in einer Dorfversammlung in Ee fast verzweifelt, wir müssen mit diesen Menschen es tun, wir haben hier keine anderen. Er bat seine Freunde darum, bitte nehmt zur Kenntnis, dass wir nicht irgend etwas planen können und keiner im Dorf tut mit, weil alle anders denken. Nicht gegen uns, aber eben anders. Wir haben diese Menschen. Und diese oder jene Menschen heute machen Krieg da und dorten und immer wieder. Wir können es nicht lassen. Meint es der eine gut, meint es der andere schlecht, kommt der andere alle Schritte entgegen, schießt der eine zuerst. Ob im Freudenhaus es anders zugeht? Ein richtiges Haus der Freude – möglichst ohne Freud.
Oder doch mit ihm, damit er uns fast alles erklären kann. Na, da zitiere ich mich, das Ende einer Erzählung:
Ich wünsche mir die Fähigkeit, auf meinem Platz zu leben, keinem besonderen und an keinem besonderen historischen Ort, schon an gar keinem, der erst erkämpft, weggenommen werden müßte. Ich möchte lernen in Skizzen zu leben und für jeden geglückten Tag an meinem Ort mit meinem Glück oder Unglück, mit meinem Mut oder meiner Feigheit einzustehen.
Die mögliche Sprache der Verständigung muß nicht die Sprache sein, die ich beherrsche. Die Mühe möchte ich verwenden auf die Übersetzungen, auf die Entstehung von Langsamkeit in der Annäherung und in der Zeit, weil ich dann hoffen kann, Zeit für Zukunft zu haben.
Ganz schön moralisch. Jaja.
Na dann: Gut Schabbes und eine gute Woche. Lassen Sie Ihren Nachbarn einfach am Leben, für eine weitere Woche. Das ist schon viel, wenn er es auch tut. Und sie es tun. Und ich es tue. Fast wie Frieden, aber eben nur für diese paar Quadratkilometer.
Ein paar Monate später schrieb ich 2002:
Als ich ein Mädchen war, da träumte ich davon für ein Erbe aufgerufen zu werden und aus einer Opernloge zu schauen, in einem großen Bett zu liegen. Nicht allein. Aber mit wem genau, dass wusste ich noch nicht. Da waren noch keine Bilder. An Literatur habe ich nicht gedacht und eine mir gnädige Dame oder einen mir zugewandten Herrn kannte ich noch nicht, aber ich hatte ja auch keine Tausender in den Taschen. Nur die Groschen vom fortgeschafften Altpapier, vom Taschengeld. Und geträumt habe ich, tags und nachts und immer zu, auch wenn keine Zeit war wie in der Schule oder wenn Erwachsene mit mir sprachen: ich habe geträumt und mir gewünscht, dass ein Herr oder eine Dame ruft.
Als junge Frau dachte ich, die Liebe darf keinen Grund haben, weil sie dann vergeht, wenn sie einen Grund hat. Und heute weiß ich und fühle, jede Liebe hat einen Grund, da müssen keine Tausender auf dem Tisch liegen, das kann ein Duft sein, das Gesicht des anderen, die Hände, die Klugheit. Oder dass ein Mensch mich begehrt und will und liebt. Oder das mich eine Dame oder ein Herr braucht. Vergeht die Liebe, wenn der Grund weg ist? Nur Sehnsucht macht das Suchen erfolgreich, sagt Albert Einstein. Und die Sehnsucht vergeht mir nie, also suche ich lange bei dem Herr oder der Dame, die ich liebe und möchte immer noch zu einem Erbe aufgerufen werden und in einer Opernloge sitzen und genießen und schauen. Und schreiben. Denn das mache mit meiner Sehnsucht zu aller erst: schreiben, immer weiter schreiben und Welt erfinden, eine Menschenoper mit Liebe.
Ende 2002 schrieb ich:
Als ich auf die Welt kam und die Suche nach der Wirklichkeit begann – Familiengedächtnis, darüber beginne ich zu schreiben. Einer sagt: Als ich auf die Welt kam und einen Mann im grauen Kittel sah, wußte ich, daß ich bei armen Leuten gelandet war. Eine andere erzählt von ihrer Mutter, die in den Urwald radelt, eine Abwesende. Eine Dritte beschreibt ihre schöne Schwester, weswegen sie beschloss ein kluges kleines Mädchen, eine kluge Frau zu werden; dass sie schön ist, davon spricht sie nicht.
„Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich.“ Das ist der erste Satz aus Anna Karenina.
Auf Familienfotos ist viel vom Unglück und Glück der Familien zu sehen. Es gibt ein Bild- und Körpersprache: es gibt ein Bild- und Körpergedächntnis. Familienfotos, was zeigen sie, was richten sie an, was wollen sie erinnert wissen, was verraten sie?
Aby Warburg, der Begründer der „Kulturwissenschaftlichen Bibliothek“ hat sich bemüht das Bildgedächntnis der europäischen Kunstgeschichte zu entziffern: Welche Erinnerungsarbeit ereignet sich in Bildern, welche Erfahrungen sehen wir? Die im Bild, auch in der Fotografie dargestellte, eingenommene Haltung, Gebärde ist eine symbolische Form, deren Eedeutung sich nur über die Erinnerung der darin aktualisierten Form und Erfahrung erschließt.
Die verschwiegenen Erinnerungen sind in den Erzählungen und Fotos nicht wieder zu finden, nicht auf den ersten Blick und nicht beim ersten Hinhören. Ich bin ziemlich bang, ob mir das Schreiben gelingt. –
So war das also – mein Zustand am Anfang der vielen dann folgenden Che faros – Was mache ich heute.
Ich schreibe – immer noch und immer weiter.
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