Leise und laut ist es im Lebenszimmer
Wie geht das mit dem Schreiben?
Verwildertsein
und doch ein Blatt Papier vor dem Mund, vor den Augen.
Der Alltag sieht aus wie bei allen Menschen mit Beruf. Aufstehen, Kaffee, dann Schreibtisch, also PC. Eine Stunde Mails und Bürokratie. Dann Schreiben. Fünf Seiten bei einem Roman, bedeutet acht zu schreiben, zu korrigieren. Bedeutet auch immer wieder recherchieren, erinnern, fühlen, ob die Menschen im Roman ihre eigenen Wege gehen, denn das müssen sie. Ab dem ersten Satz. Eine Kurzgeschichte verlangt alle Konzentration. Ein Gedicht schreibt sich fast nur Buchstabe für Buchstabe und vielleicht bleibt nach sieben Stunden nichts als Müdigkeit. Und die Freude ein neues Wort gefunden zu haben, eines wie Himmelsleitern. Ein Hörspiel verlangt offene Ohren und dass Take für Take auf allen „Spuren“ (Ton, Musik, Text) eine andere Geschichte ergänzend erzählt wird. Meine Genres. Ich brauche die Einsamkeit, das Verwildern und muss doch alle Disziplin aufbringen, um da hocken zu bleiben, zu denken, zu stammeln, zu schreiben. Um sorgfältig zu sein, liebevoll. Die Geheimnisse aller zu wahren, auch die meinen.
Das Geschriebene kann verwertet werden und vielleicht gar Mehrwert schaffen; das Schreiben will außer denen, die schreiben niemand. Oder nur Wenige. Die meisten wollen die Wörter mit einem Event verbunden serviert bekommen. Mit einem Essen, mit Kerzen, wenigstens mit einer Oboe, die zwischen den Wörtern erklingt, wenigstens eine gute Performance der Schriftsteller:innen.
Ein schwer zu erklärender Beruf. Wenig Einkommen in der Regel und das Schreiben als Arbeit interessieren bestenfalls, wenn Berühmtheit oder der Tod eingetreten sind. Die Verwerterinnen aller Art wollen das fertige Manuskript, die Lesungen, das Gerede, Auftritte. Den Lärm, das Laute. Vom Schreiben will niemand wissen; das reduziert sich auf die Frage: Woher nehmen Sie nur Ihre Einfälle? Aus der Seele und dem Leben, vom Zusehen, Zuhören und Erinnern und auch das bedeutet einsam verwildern, denn wir erinnern uns so, wie wir leben wollen; und wir sehen, was wir begreifen. Was wir nicht erkennen, sehen wir nicht. Dichterinnen und Schriftsteller müssen aber mehr sehen, erinnern und wissen.
Wie das Geschriebene verwertet wird oder was es anrichtet oder in Gang setzt, das sind andere Geschichten, als die des Schreibens. Mit etwas Glück gibt es schöne Geschichten, entsteht Kennenlernen, liest jemand Gedichte ein, inszeniert ein Studio Geschichten, bringt sie zu Gehör, werden aus Erzählungen, Romanen Hörspiele, werden aus Gedichten Lieder. Ich durfte oft erleben, dass durch das Schreiben, andere Prozesse in Gang kamen. Ich durfte als Regisseurin arbeiten, ch habe unzählige Lesereisen unternommen, auch manchmal zusammen mit anderen. Ich las Gedichte ein, aber andere auch wie Karin Gier. Der Berliner Journalist und Komponist hat einige Gedichte in Songs verwandelt. Immer wieder entsteht ein Zusammenarbeiten. Mit einer Malerin, mit Kolleginnen. Das sind Geschenke. Die berühmten Glückssekunden. Ehe ich wieder alleine da sitze und Buchstaben, Wörter zusammensuche.
Laut und leise